Nachhaltigkeit als Spielregel

Haben sportliche Großereignisse in den Alpen im Angesicht von Schneeschmelze und Extremwetterereignissen noch eine Zukunft? Ein Panel aus Vertreter*innen von Forschung, Wirtschaft und Sport diskutiert über Strategien, die Events nachhaltiger zu gestalten.

„Wenn man über 15 Jahre jedes Jahr auf den Gletscher geht, kann man sehen: Der Gletscher geht echt zurück. Das zu realisieren, hat mir im Herzen wehgetan”, erinnert sich Mirjam Puchner. Die ehemalige Skirennläuferin aus Österreich und Olympia-Silber-Gewinnerin beobachtet deutliche Veränderungen im Skisport. Immer mehr Veranstaltungen im Winter müsse man absagen, zum Teil seien Streckensicherungen bei Skirennen nicht mehr gegeben. „Weil die Sicherheitsnetze links und rechts der Strecke nicht mehr fixierbar sind”. Es fehle schlicht an Schnee.

Und nicht nur für die Sportler*innen sind sportliche Events in den Alpen mehr und mehr mit Risiken verbunden. Risikomanagement sei mittlerweile eine Hauptaufgabe der Veranstalter, sagt Alexander Pittl: „eines der wichtigsten Themen”. Der Geschäftsführer der Laufwerkstatt Tirol organisiert Events wie das adidas Trailrun Festival in Innsbruck. Bei ihren Veranstaltungen müssten mehrere Personen das Wetter genau im Blick behalten, sagt Pittl, um alle Beteiligten vor Wetterschäden zu schützen - Sportler*innen, Zuschauer*innen, helfende Hände.

Immer öfter sei das Risiko da, dass Veranstaltungen ganz ausfallen, sagt Ralf Roth, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln. Gerade bei Events in den niedrigen Alpenlagen, Langlauf und Biathlon, sei eine Schneedecke oft nicht mehr zu garantieren. Ein Problem für Wirtschaft und Medien, die Hauptprofiteure von sportlichen Großereignissen. Und auch ein Problem für die Zuschauenden: „Sportliche Großveranstaltungen sind für viele Menschen das letzte große Lagerfeuer”, sagt Roth. Die Begeisterung und damit auch die Größe der Veranstaltungen sei in den letzten Jahren gewachsen.

Ein mögliches Großevent in Österreich: Die Ski-WM in St. Anton am Arlberg 2033. Peter Mall und sein Team organisieren derzeit die Bewerbung um die Ausrichtung der Weltmeisterschaft. Er findet: „Wir müssen das Klima nicht schützen. Wir müssen den Menschen schützen”. Nachhaltigkeitsmaßnahmen wolle man zum langfristigen Schutz der Bevölkerung umsetzen, Netze, Torstangen und Skischuhe wiederverwenden. Es gebe allerdings Standards bei Weltmeisterschaften, zum Beispiel das Wachsen der Skier, „das wird jetzt nicht super nachhaltig sein, nehme ich mal an”. 
Und dann ist da noch die größte Nachhaltigkeits-Baustelle: Die An- und Abreise der Zuschauer*innen. Es wäre möglich, mit der Bahn statt mit dem Auto zur WM zu reisen, sagt Mall. Doch bei der österreichischen Bundesbahn werde gespart, Züge gestrichen. Man müsse Sonderzüge einkaufen. „Und das belastet das Budget derart, dass man sich fragt, ob sich die Veranstaltung überhaupt rentiert.”

Ralf Roth sieht den größten Klimaschaden ebenfalls bei den An- und Abreisen: 80 Prozent der CO2-Emissionen entstünden bei sportlichen Großevents durch die Mobilität der Zuschauer*innen. Deshalb seien diese Veranstaltungen „für Klimaschutz und Klimaanpassung ein extrem schwieriges Umfeld”. Man müsse die Größe und das Ausmaß von geplanten Veranstaltungen reflektieren: „Schaffen und wollen wir diese Dimensionen und Kapazitäten? Denn die Klimafolgen steigen mit der Größe des Events exponentiell”. Deutschland werde sich deshalb nicht mehr auf eine Olympische Winterspiele bewerben. „Es macht einfach keinen Sinn mehr. Irgendwann muss man sagen: Es ist jetzt gut.”

Dabei hat Ralf Roth neben der ökologischen Nachhaltigkeit auch die soziale Nachhaltigkeit von Sportevents im Blick. Die Events müssten zugänglich sein, barrierefrei, preiswert. Die Menschen vor Ort müssten mit der Art und Weise der Veranstaltung einverstanden sein. „Es muss eine soziale Rendite für den Raum geben”. Nachhaltigkeit - in allen Facetten - solle einen höheren Stellenwert bekommen: „als feste Spielregel; von der Kür zum Pflichtprogramm”. Eine Idee, die nicht allen gefallen werde. „Aber ich finde, die Unterstützung durch öffentliche Mittel sollte man mit konkreten Nachhaltigkeitskriterien und -bedingungen verbinden.”

In einem Punkt ist sich das Panel einig: Sportevents werden auch weiterhin in den Alpen stattfinden können. Doch im Hinblick auf konkrete Maßnahmen gehen die Vorstellungen wohl noch auseinander.

Redaktion: Sophie Achenbach
Kategorie: Artikel
Datum: 24.6.2026

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