„Ich möchte mit der Zukunftsreise motivieren, anzufangen“

Zukunftsforscher und Autor Klaus Kofler spricht, schreibt und lehrt zum Thema Zukunft. Laut ihm müssten sich die Menschen zutrauen, die Zukunft zu gestalten. Eines seiner Werkzeuge dafür ist die Zukunftsreise.

Herr Kofler, Sie sind Zukunftsforscher. Wie würden Sie Ihren Eltern Ihre Arbeit erklären?
Meinen Eltern hätte ich das so erklärt, indem ich ihnen gesagt hätte: “Ich versuche, Menschen für das Neue zu motivieren und zu begleiten.” Die Zukunftsforschung hat eigentlich die zentrale Aufgabe, Menschen zu befähigen, eine andere Zukunft gestalten zu wollen.

Und wie macht man das?
Wir brauchen Zukunft in der Bildung, wir brauchen Zukunft in der Wirtschaft, wir brauchen neue Herangehensweisen in der Politik. Wir müssen die Gesellschaft wieder mit guten und positiven Zukunftsbildern in Verbindung bringen.
Wieder? Wann waren wir denn da mal?
Als diese alten “Gewinngeschichten” entstanden sind, die uns in die heutige Zeit getragen haben. Das Fortschrittsnarrativ war ganz stark verbunden mit dem Wohlstandsnarrativ. Gute Arbeit schafft auch Wohlstand, Sicherheit - das war gesetzt. In der heutigen Zeit funktioniert dieses Narrativ nicht mehr. Wenn diese Geschichten eines verloren gegangenen Wohlstandsnarrativs zu laut werden, koppelt der Mensch sich ab. Man bekommt Angst, man zieht sich in seine eigene Bubble zurück und beginnt, sich nur noch selbst zu verwalten. Das ist der Anfang eines Endes, weil daraus nichts Neues entstehen kann.

Wie kommt es dazu?
Das hat viel mit fehlenden guten Zukunftsbildern zu tun. Die gehen zunehmend verloren. Ich glaube, das ist die größte Herausforderung, vor der wir stehen. Wir können Menschen nicht durch Argumente in Bewegung bringen. Auch nicht durch äußeren Druck, indem wir ihnen jeden Tag dreimal erzählen, wie schlecht die Welt da draußen ist. Sondern wir müssen diese innere Sinnstiftung wieder mobilisieren.
Das ist unter den aktuellen Bedingungen schwieriger als für vorige Generationen.
Wir haben heute eine ganze Batterie an Herausforderungen. Vorher hatten wir eher eine lineare Entwicklung. Jetzt kommt nicht eine Krise daher geschwommen, sondern gleich vier. Sie überlagern sich, haben Wechselwirkungen, die sich wieder zu etwas Neuem hochschaukeln. Da haben wir klimatechnische Herausforderungen und dann schaut noch schnell ein Virus vorbei - das sind alles völlig neue Rahmenbedingungen.

Wie kann man unter den Bedingungen die „innere Sinnstiftung mobilisieren“, wie Sie sagen?
Wir dürfen nicht an alten “Gewinngeschichten” festhalten, die wir uns heute noch erzählen und die in der Vergangenheit super funktioniert haben. Was wir heute brauchen, sind “Sinngeschichten”.

Was ist das?
Zum Beispiel: Wie können wir einen nachhaltigen Winterbetrieb in anderen Formen gewährleisten? Ein Winterbetrieb, der vielleicht gar nichts mehr damit zu tun hat, wie das in der Vergangenheit lief.  Der vielleicht ein neues Kundenmodell beschreibt, ein neues Gesellschaftsmodell beschreibt, ein neues Regionalmodell beschreibt. Wir müssen bessere Geschichten über die Zukunft erzählen. Ich weiß, dass es funktioniert. Wenn ich mit Jugendlichen oder Studierenden arbeite, dann gehen da oben die Köpfe auf. Da entdeckt man dann auf einmal, dass die Welt gar nicht so schlecht ist.
Es gibt auch Menschen in unserer Gesellschaft, die wirtschaftlich sehr schlecht dastehen. Sie verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, das Hier und Jetzt zu verwalten. Bringt es diesen auch etwas, von “Sinngeschichten” zu berichten?
Da sind wir als Gesellschaft, als Politik, als Wirtschaft gefordert, diese Dinge zu unterbinden, damit Menschen in prekären Situationen da wieder rauskommen können. Denn sonst stellen wir uns dann nicht mehr die Frage “Wie wird die Zukunft?”, sondern “Welche Zukunft haben wir überhaupt noch?” Wir müssen es schaffen, dass sich Menschen die Zukunftsgestaltung selbst zumuten, dass sie sich das zutrauen.

Wie kann ein solcher Prozess konkret aussehen?
Ich habe eine Methode entwickelt, die Zukunftsreise. Sie basiert auf der Heldenreise von Joseph Campbell. Man geht dabei gedanklich über drei Felder. Im ersten geht es darum, die Richtung festzulegen. Warum wollen wir überhaupt aufbrechen? Wenn ich das nicht will, muss ich gar nicht aufbrechen. Das zweite Feld ist dann: Was kann uns passieren? Da schauen wir uns zwei Welten der Zukunft an: die dystopische und die utopische. Was sind die Fähigkeiten, die wir haben und brauchen, um die Zukunft bespielen zu können?

Und das dritte Feld?
Da betreten wir die Wirksamkeit. Wie werden wir jetzt wirksam? Ich möchte mit der Zukunftsreise motivieren, anzufangen. Ins Tun zu kommen. Das ist ja das Motto dieser Veranstaltung: Wie kommen wir ins Tun? Wir stehen an dieser Schwelle und gurken immer noch rum und sagen uns: Ah, ich weiß nicht, irgendwie könnte es ungemütlich werden, irgendwie ist es doch nicht so schlecht, wie es momentan ist. Wenn wir nicht über diese Schwelle kommen, können wir uns auch nicht mit etwas Neuem oder für etwas Neues erfreuen.

Redaktion: Luisa Gohlke
Kategorie: Artikel
Datum: 24.6.2026

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