
Das Panel ist sich einig: Es herrscht dringender Handlungsbedarf in den Alpen. Denn die Temperaturen steigen stetig an, schneller und stärker als im globalen Mittel. Und: Im Alpenraum können gleich mehrere sogenannte Kipppunkte überschritten werden. Darunter versteht man in der Wissenschaft kritische Schwellen, an denen geringe Veränderungen in der Temperatur abrupte und unumkehrbare Effekte hervorrufen können.
Obwohl der Begriff “Kipppunkt” in der Klimaforschung bereits etabliert ist, stellt Michael Lehning, Leiter der Forschungsgruppe Schneeprozesse am Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in der Schweiz, in der Diskussion klar: “Das Wort ‘Kipppunkt’ mag ich eigentlich nicht”. Echte Kipppunkte seien in der Natur selten, die meisten Prozesse verliefen kontinuierlich. Dennoch gebe es im Alpenraum durch den Klimawandel hervorgerufene Entwicklungen, die nicht mehr umkehrbar seien. Ein Beispiel: Der Schnee-Albedo-Effekt. Durch die Erwärmung der Atmosphäre schmilzt die Schneedecke, besonders in den polaren und alpinen Regionen, schneller und weitgehender. Die Erdoberfläche verdunkelt sich durch den fehlenden weißen Schnee, die einfallende Sonnenstrahlung kann weniger reflektiert werden. Dadurch erwärmt sich die Oberfläche noch schneller.
Die Schneeschmelze und der damit verbundene Wassermangel in den Alpen sind kein rein lokales Problem. Die Konsequenzen reichen weit über die alpinen Grenzen hinaus, sagt Marc Zebisch, Head of Center for Climate Change and Transformation bei Eurac Research: “Die Alpen haben eine Bedeutung als Wasserturm für Europa”. Die Dürren in europäischen Ländern der letzten Jahre seien vorrangig durch Schneemangel in den Alpen entstanden. Katharina Zwettler vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft gibt ihm Recht: “Man sieht, dass es Abhängigkeiten gibt”, beispielsweise bei der Wasserknappheit. Dem Klimawandel wolle man deshalb als Staatengemeinschaft im alpinen Raum begegnen, zum Beispiel mit einer gemeinsamen Alpenkonvention. Dennoch muss Zwettler zugeben: “Wir fördern immer noch Maßnahmen, die unserem Klima nicht zuträglich sind.” Maßnahmen, die sich also weit über die österreichischen Alpen hinweg auswirken werden.
Zur Eindämmung von Klimaschäden in den Alpen rät die Klimaforschung deshalb, Technologien zu erarbeiten, um Wasser im Sommer speichern zu können. Doch Zebisch warnt gleichzeitig: “In Zukunft wird man sich nicht mehr gegen alles absichern können”. Ein weiteres akutes Handlungsfeld sei neben Umweltschutz deshalb der Zivilschutz, genauer, Gefahrenzonen zu bestimmen und zu kartieren. Immer mehr Gebiete seien durch Bergstürze, Hochwasser und andere Extremereignisse gefährdet, immer mehr Häuser seien nicht mehr sicher. Hier sei man vor allem auf zivile Initiativen und Menschen vor Ort angewiesen: “Da gibt es eigentlich oft mehr Wissen bei den Behörden als in der Wissenschaft”. Die Kartierung von Gefahrenzonen funktioniere allerdings nicht problemlos, sagt Zebisch. Denn Gefahrenzonen implizierten bauliche Maßnahmen und Anpassungen, teilweise Absiedelungen, für die sich niemand verantwortlich fühlen wolle. Marc Olefs, Leiter der Abteilung Klimaforschung bei GeoSphere, fügt hinzu: Das Problem beim konsequenten Zivilschutz seien eine Vielzahl an Ziel- und Interessenkonflikten, zum Beispiel hinsichtlich der Raumplanung in den Gemeinden. “Da ist noch sehr viel Luft nach oben”. Zebisch nennt als Beispiel die Nutzung und Umwandlung von Wäldern in der Umgebung. Hier herrsche Handlungsdruck. Man müsse verhindern, dass dort gebaut wird, und Wälder stattdessen nachhaltig umwandeln: “Die Bäume, die ich jetzt pflanze, die sollten noch 100 Jahre halten”.
Michael Lehning sieht nicht nur in der Verwaltung und Politik großes Handlungspotenzial, sondern auch bei den einzelnen Bürger*innen. Man müsse “ein System schaffen, in dem sich der Bürger ermächtigt fühlt, etwas beizutragen”. Neben der Initiative aus der Zivilgesellschaft seien technologische Lösungen wichtig. Gleichzeitig stellt Lehning klar: “Technologische Lösungen können den Klimawandel nicht aufhalten und Gletscher nicht retten”. Man könne das Ende der Gletscher vorhersehen, Anpassungen alleine würden nicht reichen. “Klimaschutz ist immer noch die wichtigste Stellschraube.”
Redaktion: Sophie Achenbach
Kategorie: Artikel
Datum: 23.6.2026
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